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Moderne Berufskleidung unter der Lupe

12.3.2009

Ob Cargohose oder Bäckerkaro – Berufskleidung wurde schon oft in Modetrends der Freizeitkleidung aufgegriffen. Und umgekehrt? Hier wird schnell deutlich, dass Berufskleidung eine Fülle von Eigenschaften besitzen und erfüllen muss. Konfektionär Claus Schmidt, Geschäftsführer der Gottfried Schmidt Berufskleidung OHG in Kleinostheim, kreiert seit Jahren Kollektionen für die DBL – Deutsche Berufskleider-Leasing GmbH. Im Interview gibt er Auskunft über die spezifischen „inneren Werte“ der Kleidung: technische Qualität und funktionelle Verarbeitung.

Herr Schmidt, wo liegt für Sie der bedeutendste Unterschied von Berufsbekleidung und normaler Freizeitkleidung?

Im hohen Anspruch an Haltbarkeit, Pflegbarkeit und Passform. Sie sind der Maßstab für gute Berufsbekleidung – erst dann kommt das Design. Berufskleidung muss in erster Linie funktionieren, also auf die individuellen Bedürfnisse des Trägers und seine Aufgabe abgestimmt sein. Das erfordert für Material und Verarbeitung spezielle Gewebe, besondere Maschinen sowie fachmännisches Know-how.

Bleiben wir beim Gewebe: Berufsbekleidung sollte zugleich hautfreundlich und strapazierfähig sein. Was gilt es dabei zu beachten?

Wir sprechen hier von Kleidungsstücken, die bis zu 80 industrielle Wäschen unbeschadet überstehen und dabei dauerhaft angenehmen Tragekomfort leisten. Deshalb greifen wir nur auf hochwertige Rohgewebe zurück, die  weitestgehend in Europa hergestellt werden. Würden wir zum Beispiel minderwertiges Polyester verwenden, würde sich dies durch starkes Pilling, flusige Oberflächen und unangenehme Haptik zeigen. Und zwar nach kürzester Zeit. Auch Farbbeständigkeit spielt eine Rolle. Hier verwenden wir hochechte Indanthrenfarbstoffe. Dies ist ein licht- und waschechter synthetischer Farbstoff, der auch einer Chlorwäsche standhält. Eine blaue Latzhose für sechs Euro vom Discounter würde dies kaum ohne Nachwirkung überstehen. Wir verwenden zudem tragephysiologisch optimierte Gewebe, die sich sowohl bei Kälte als auch Hitze angenehm tragen lassen – unsere Mischgewebe setzen sich meist aus 65% Markenpolyester und 35% Baumwolle zusammen in dem jeweils am besten geeigneten Gewicht und Bindungsbild..

Wie unterscheidet sich zum Beispiel das Gewebe für die Kleidung eines Dachdeckers von dem eines Kfz-Mechanikers?

In Gewicht, Dichte und Griffigkeit des Gewebes. Hier kommt es im Vorfeld auf das Webverfahren an. Sogar die Spinnverfahren in der Herstellung der Fäden, aus denen die Gewebe hergestellt werden, sind speziell auf den Einsatz in der Berufsbekleidung ausgerichtet. Hier kommen hauptsächlich sogenannte Ringgarne zum Einsatz. Diese Garne sind besonders stark gedreht und verfügen über eine hohe Festigkeit. Zudem ergeben sie eine ruhige Gewebeoberfläche und brillieren mit den besten Prüfwerten bei Pillingtests und Prüfungen zur Reißfestigkeit. Ein anderes Beispiel: während der Dachdecker auf Grund seiner Outdoortätigkeit auf 550 g/m² schweren Trenkercord zurückgreift, reicht einer Kassiererin hinter der Theke die Hemdbluse in 120 g/m² leichter Leinwandbindung. Für den Automechaniker in der Halle ist eine Jacke aus 250 g/m² Quadratmeter schwerem Köper ideal.

Qualität und Quantität – wie viele Meter Garn werden im Durchschnitt verbraucht, beispielsweise für eine Jacke?

Hier wird die Detailarbeit deutlich: in eine ganze Jacke mit rund einen Laufmeter Gewebe werden rund 10.000 Meter Garn verwoben, zusätzlich 250 bis 300 Meter Nähgarn bei der Verarbeitung.

Hochwertiges Gewebe ist die Basis für gute Berufskleidung – wie wichtig ist die Verarbeitung?

Die Verarbeitung ist ein aufwendiger Prozess, der sich wieder mit der langen Lebensdauer und der Beanspruchung im Waschprozess begründet. Von der Wahl eines guten Garns aus thermisch stabilem Material – immerhin muss auch das Nähgarn beim industriellen Tunnelfinish bis zu 160 Grad Hitze aushalten, ohne sich danach zu kräuseln wie eine Ziehharmonika – bis zu Nahtart, Stichlänge und Fadenspannung spielt alles eine wichtige Rolle. Denn hier wird jeder Fehler sofort sichtbar und führt zur Reklamation. Entscheidend ist auch die Wahl und Wartung der richtigen Maschine – allein für eine REWE-Bluse werden acht unterschiedliche Spezialmaschinen benötigt. Im Freizeitbereich reichen dagegen meist bis zu vier Maschinen. Hier ist die Sorgfalt und das ganze Know-how unserer Näherinnen gefragt.

Wie sieht die detaillierte Fertigung der Berufskleidung im Gegensatz zu normaler Kleidung aus?

Eine Kollektion läuft anders als bei der Freizeitkleidung rund zehn Jahre. Entsprechend wird im Vorfeld jeder Arbeitsgang, jede Naht akribisch geplant. Schon in der Entwicklung wird am Musterteil festgelegt, wo beispielsweise sogenannte Riegel genutzt werden. Das sind kleine, kurze Zickzack-Stiche, die an stark beanspruchten Stellen wie Tascheneingriffen oder Schlitzen gesetzt werden und dafür sorgen, dass hier keine Zerstörungen in Form von Rissen oder Abreibungen entstehen. Riegel bestehen bei uns generell aus mindestens 28 Stichen. Es gibt auch Bekleidungsteile, die 40 Riegel und mehr aufweisen. Freizeitkleidung hat meist nur Riegel an den Hosen- oder Jackentaschen, da die Beanspruchung einfach geringer ist. Berufskleidung verfügt zudem oft über viele Taschen und/oder farbige Details. Aus diesem Grunde sind die einzelnen Kleidungsstücke aus sehr vielen Schnittteilen zusammen genäht. Eine Tricolor-Latzhose hat beispielsweise 30 Schnittteile aus Gewebe  und 17 weitere verschiedene Bestandteile.

Thema Schnitt und Design – worauf kommt es hier an?

Berufskleidung wird meist für alle Mitarbeiter einer Firma erstellt. Dabei können weder private Vorlieben noch individuelle Abneigungen berücksichtigt werden. Auch die Farbwahl richtet sich eher nach dem Corporate Design des Unternehmens als dem Geschmack des Mitarbeiters. Vielmehr geht es darum, eine Bekleidung zu erstellen, die allen Trägern angenehm ist und sie bei der Arbeit unterstützt. Das ist eine große Herausforderung für Schnitt und Design, denn die Kleidungsstücke müssen den verschiedensten Mitarbeitern einer Firma passen und gut aussehen – einer Dame mit Größe 34 ebenso wie einer Kollegin mit Größe 64. Das wird mit durchdachten Details wie zum Beispiel verstellbaren Latzträgern oder Stretchkeilen im Seitenbereich von Hosen elegant gelöst.

Welche Besonderheiten sind noch bei der Produktion von Berufskleidung zu beachten?

Bei Berufskleidung gilt es oft, spezielle Normen sowie Schutz- und Hygieneeigenschaften unbedingt zu berücksichtigen. Hygienekleidung darf keine offenen, außen liegenden Taschen haben. Schnitt, Farbwahl, Gewebequalität, Verarbeitung und Elemente wie Knöpfe, Reißverschlüsse etc. richten sich exakt nach den Vorschriften. Die Kleidung wird je nach Einsatzbereich DIN- oder EN-zertifiziert – hier wird jedes Detail der Berufsbekleidung in entsprechenden, unabhängigen Instituten geprüft. Freizeitkleidung kennt in der Regel (wenn überhaupt) nur die Prüfung nach Ökotex 100, das ist bei uns ohnehin vorausgesetzt. Wichtiger Aspekt bei industriell gepflegter Berufskleidung ist auch die Reparaturfreundlichkeit. Reißverschlüsse können schnell ausgetauscht, durchscheuerte Knieverstärkungen leicht ersetzt werden. Dies ist für die Unternehmen ja immer auch ein Kostenfaktor.

Gibt es aktuell in Hinblick auf Material und Gewebe innovative Trends in der Berufsbekleidung?

Seit einigen  Jahren entwickelt sich die Berufsbekleidung in Bezug auf Haptik, Optik und Tragekomfort in Richtung „bequem“ und Freizeit, aber ohne die Gebrauchstüchtigkeit im Beruf zu verlieren. Möglich macht dies zum Beispiel die Verwendung von modernem Stretchgewebe oder neu entwickelte Fleecematerialien, die nun auch industriell waschbar sind. So sind Jeans und Fleecejacken ohne Pilling und Schrumpfen in der anspruchsvollen Berufsmode angekommen.


 
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